Rückblick „Nein-zum-Kodex“-Bündnis

Das „Nein-zum-Kodex“-Bündnis gründete sich zu Saisonbeginn 2011/2012, bestehend aus den Gruppen Ultra‘Boys, HB-Crew und den Wanderers Bremen. Alle drei Gruppen hatten ein angespanntes Verhältnis zu Werders Geschäftsführung, hauptsächlich, weil sie den Fan-Ethik-Kodex nicht unterschrieben haben.

Nach diversen Aktionen des Bündnisses wurde uns seitens der Geschäftsführung, über die Fanbetreuung, ein Gespräch angeboten. Zuvor wurde, aufgrund der Nicht-Unterschrift, die Kommunikation zu den Wanderers abgebrochen. Zu den Ultra‘Boys sowie der HB-Crew gab es bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen Kontakt. Wir begrüßten das Angebot der Geschäftsführung, sodass wir auf das Gesprächsangebot eingingen.

Die Geschäftsführung betonte, dass es ihnen nicht mehr um die Unterschrift des Fan-Ethik-Kodexes ging, sondern darum, eine alternative Einigung zu finden, um eine Basis für zukünftige Zusammenarbeit zu schaffen, die nicht auf dem Fan-Ethik-Kodex basiert, denn beiden Seiten war klar, dass es in Bezug auf den Fan-Ethik-Kodex keine Annäherungen geben wird.
Der Geschäftsführung war wichtig zu erfahren, wie die Gruppen des „Nein-zum-Kodex“- Bündnisses zu den Themen (Anti-)Diskriminierung und Gewalt stehen.

Wie auf dem Nein-zum-Kodex Blog bereits vor dem Gespräch zu lesen war, vertreten wir einen antirassistischen Grundkonsens. Die Passage des Blog-Textes haben wir für ein Schreiben an die Geschäftsführung 1:1 übernommen. Außerdem geht von uns als Gruppen keine aktive Gewalt aus.

Die Darstellung unserer Meinung in Form eines Briefes an die Vereinsführung mit zum Teil bereits veröffentlichen Zeilen steht für uns nicht im Widerspruch zu unserer grundsätzlichen Ablehnung des „Fan-Ethik-Kodexes“.

Unser Protest richtete sich ohnehin zu keiner Zeit gegen den antidiskriminierenden Ansatz des Kodexes, sondern vielmehr gegen die allgemeine Rechtfertigung Menschen zu einer Unterschrift zwingen zu wollen; gegen die im Kodex genannten repressiven Maßnahmen bei Verstößen gegen eben diesen Kodex und die oft unklare Definition von Diskriminierung. Am Beispiel “Scheiß HSV“ erkennt man gut eine unterschiedliche Definition von Diskriminierung. Hinzu kommt die inakzeptable Einführung des „Fan-Ethik-Kodexes“ ohne Fanbeteiligung, sowie der weitere Verlauf der Kommunikation diesbezüglich.

Seit dem Gespräch mit der Fanbetreuung wurden wieder verschiedene Aktionen von uns genehmigt. Auch wenn sich die Lage wieder beruhigte, waren noch lange nicht alle Einzelheiten geklärt. In der Sommerpause und zum Saisonbeginn wurden erneut Gespräche mit der Fanbetreuung geführt. Dabei stellte sich heraus, dass, obwohl man sich auf eine Lösung fernab des Kodexes einigte, Privilegien, die andere Gruppen genießen, wie z. B. ein eigenes Kartenkontingent, unseren drei Gruppen nicht eingeräumt werden sollen.

Gerade aufgrund der teils nicht eingeräumten Privilegien und der aktuellen Verständigung zweifeln wir weiterhin stark an der Sinnhaftigkeit des Kodexes. Ebenso distanzieren wir uns von den angedrohten Sanktionen bei einer Nicht-Unterschrift eines jeden Fan(Club)s. Das bedeutet, dass wir auch weiterhin daran arbeiten, dass sich sowohl der Kodex, als auch alle davon ausgehenden Schwierigkeiten in der Auslebung der Fankultur in Wohlgefallen auflösen.

Eingeschränkte Meinungsfreiheit im Weserstadion?

Ohren auf – Augen auf – Meinung sagen

Beim Heimspiel gegen Hannover 96 präsentierten wir ein Spruchband zum Thema Meinungsfreiheit mit dem Inhalt: „Ohren auf – Augen auf – Meinung sagen – zum Erhalt der Fankultur“. In den folgenden Zeilen möchten wir versuchen, euch den Hintergrund dieser Problematik näher zu bringen.

In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen heißt es: “Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung“. Ähnliche Regelungen finden sich auch in der Europäischen Menschenrechtskonvention sowie dem deutschen Grundgesetz wieder. Dieses Recht findet in Deutschland seine Schranken allein in den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

Dieses Grundrecht ist im Weserstadion jedoch stark eingeschränkt. Nicht selten wurde in der Vergangenheit das Präsentieren von Spruchbändern, Doppelhaltern, Fahnen und Choreografien durch Vereinsoffizielle untersagt. Betroffen hiervon sind in der Regel Utensilien mit kritischem Inhalt die oftmals als diskriminierend dargestellt wurden bzw. werden. Neben dem Klassiker ,,Scheiss HSV'‘ stehen auch Inhalte wie ,,Gegen Polizeigewalt'‘ etc. auf der Verbotsliste der Oberen.

Dass Spruchbänder mit tatsächlich diskriminierendem Inhalt (z. B. rassistisch, sexistisch oder faschistisch) in unserer Kurve nichts zu suchen haben, sehen wir als selbstverständlich an. Wenn jedoch Spruchbänder, die sich z. B. gegen den Derbygegner oder gegen zu hohe Ticketpreise richten, der Zensur zum Opfer fallen, ist dies für uns in keiner Weise nachvollzieh- und hinnehmbar.

Bei Werder Bremen und nahezu jedem anderen Fußballverein ist es mittlerweile zur traurigen Routine geworden, dass Spruchbänder und Choreos über die Fanbetreuung oder ähnlichen Institutionen angemeldet werden müssen. Diese angemeldeten Aktionen werden daraufhin in den Sicherheitsbesprechungen diskutiert. Fans haben auf die Entscheidungsfindung keinen Einfluss. Die Gründe für eine Absage angemeldeter Aktionen werden den betroffenen Fans selten, oder wenn überhaupt, verspätet mitgeteilt. Dieser Umstand führt dazu, dass die Entscheidungen, die in den Sicherheitsbesprechungen getroffen werden, oft als willkürlich empfunden und die bereits angefertigten Aktionen unbrauchbar werden.

Wir erwarten auf der einen Seite von unserem Verein mehr Vertrauen in die eigenen Fans und die Abschaffung des Prinzips der Anmeldung. Auf der anderen Seite kann sich der SV Werder Bremen auf die Selbstregulierung der Kurve verlassen und darauf vertrauen, dass Spruchbänder mit tatsächlich diskriminierendem Inhalt (sollten sie wirklich den Weg in die Kurve finden) sofort unterbunden werden.
Damit würde uns Fans die Möglichkeit gegeben werden, zu zeigen, dass wir auch ohne Unterschrift hinter den Inhalten des Fan-Ethik-Kodex stehen können.

Aktives Handeln statt bloßer Lippenbekenntnisse!

Behandlung der Gästefans beim Heimspiel gegen Mainz 05

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Unverständnis haben wir das Vorgehen seitens der SV Werder Bremen GmbH & Co KGaA beim Bundesligaspiel Werder Bremen – FSV Mainz 05 gegenüber einigen Mainzer Fans aufgenommen.

In einem Container, innerhalb des Eingangsbereichs zum Gästesektor, wurden hier nach Aussagen einzelner Gruppen und diverser Einzelpersonen aus Mainz, männliche Personen penibel kontrolliert. Das Prozedere beinhaltete u. a. Schuhe ausziehen. Des Weiteren wurden „normale“ Gäste die z. B. mit dem PKW kamen, durch ein anderes Tor zur gleichen Zeit mit sehr laschen Kontrollen in den Gästebereich gelassen.
Uns ist nicht bekannt, dass hier von einer gesonderten Gefahr dieses Personenkreises auszugehen war.

Als Fans des SV Werder Bremen haben wir ein gesteigertes Interesse daran, dass Gäste hier im Weserstadion auch als solche behandelt werden.
Daher würden wir gerne erfahren, womit derartige Vorgänge bei besagtem Spiel gerechtfertig werden.

Mit freundlichen Grüßen

HB Crew, Ultra`Boys, Wanderers Bremen

Fan-Ethik-Kodex von Werder: Nur Gutes im Sinn?

Über die Allgemeingültigkeit des Kodexes

Im Allgemeinen sind in einem Kodex die Richtlinien für eine Personengruppe geregelt, die für alle Betroffenen gelten. Der Fan-Ethik-Kodex stellt jedoch keine verbindliche Regelung dar, denn im Gegensatz zu einer Regelung sind die betroffenen Personen nicht zwingend an die Einhaltung eines Kodexes gebunden. Laut Definition besitzt jeder Kodex eine Allgemeingültigkeit. Der Fan-Ethik-Kodex besitzt scheinbar jedoch keine allgemeine Gültigkeit, da bereits verschiedene Varianten des Fan-Ethik-Kodex unterschrieben wurden. So wurde einigen Fans und Fanclubs ermöglicht, den Kodex z. B. für ihren eigenen Fanclub abzuändern und diese Version anschließend zu unterschreiben. Zudem gibt es einige Fanclubs, die den Kodex nicht unterschrieben haben, aber weiterhin vom für Fanclubs zur Verfügung gestellten Kartenkontingent profitieren. Diese Tatsachen werden jedoch gerne verschwiegen. Für uns stellt es sich so dar, dass unauffällige und kritische Fans unterschiedlich behandelt werden. Diese unterschiedliche Behandlung beginnt damit, dass kritischen Fans, die den Kodex nicht unterschrieben haben, keine Karten mehr zur Verfügung gestellt werden.
Die Unterschrift eines Kodexes sollte auf freiwilliger Basis erfolgen. Im Falle einer freiwilligen Unterschrift liegt es nahe, dass der Unterzeichner sich auch mit den Inhalten des Kodexes identifiziert. Gerade dies sollte Sinn eines Kodexes sein. Eine erzwungene Unterschrift bringt jedoch nicht zwangsläufig eine Identifikation der Inhalte des Kodexes mit sich. Für uns stellt sich daher die Frage, ob es den Vereinsoffiziellen tatsächlich um die Inhalte geht oder ist am Ende Image alles?

Fankodex = Die Lizenz zum Fahnen schwenken! – Teil II

… Bei der geplanten Aktion gegen Stuttgart sollte ursprünglich zu Spielbeginn das „Euer Ideal“ Spruchband präsentiert werden – mit Fahnenboykott. Diese Aktion und die Aktionen vom aktuellen Spieltag sollten unsere Kritik über bestehende Verhältnisse gegenüber Werderfans äußern. Jedoch kam es zu einem Zwischenfall mit der Polizei und den Ordnungskräften von Elko, welche den geplanten Ablauf durcheinander brachten. Man hinderte uns daran Spruchbänder ins Stadion zu bringen. Erst Mitte der zweiten Halbzeit gelang es uns das Spruchband zu präsentieren. Die Polizei und Elkos waren mit einem ungewöhnlich hohen Aufgebot um, und auffälligerweise auch im Stadion, aufgestellt und waren gewillt wieder massiv gegen die potenzielle Gefahr, vorzugehen, die von einem Spruchband ausgeht.

Geplant war die Aktion vom Stuttgartspiel ursprünglich so, dass zu Spielbeginn ein Spruchband mit der Aufschrift „Euer Ideal?“ präsentiert werden sollte. Dieses sollte im Kontrast zum schon präsentierten Spuchband „Unser Ideal“ stehen, welches nur mit massiven Einsatz unsererseits den Weg in die Kurve fand. Aufgrund dieser Umstände litt die potenzielle Qualität der geplanten Aktion enorm. Geplant war das „Euer Ideal ?“ Spruchband in der ersten Halbzeit hoch zuhalten und auf optische Unterstützung zu verzichten. Für uns bleibt fraglich was Ordnungsdienste und Polizei zu einer solch heftigen Reaktion brachte bzw. bringt, uns dies zu untersagen.

Um eine adäquate Alternative der „gescheiterten“ Aktion bemüht, versuchten wir kurzer Hand eine Foto-Aktion zu organisieren. Diese und weitere Aktionen in Form von Spruchbändern und Flugblättern sollten am vergangenen Spieltag gegen den VfL Wolfsburg stattfinden. Auch an diesem Spieltag war das Polizeiaufgebot erneut auffällig hoch. So war zu bemerken, dass die Fotoaktion von mehreren Polizisten begleitet und von diesen mit der Kamera festgehalten wurde. Sogar Ordnungskräfte mit Hunden wurden eingesetzt und lenkten von der Durchführung der Aktion ab. Ob ein solches Aufgebot von Polizei- und Ordnungskräften für eine Foto-Aktion notwendig ist, bleibt aus unserer Sicht fraglich.

Im Stadion präsentierten wir dann zwei Spruchbänder. Diese sollten auf genau die Verhältnisse aufmerksam machen, mit denen wir uns seit langer Zeit Spieltag für Spieltag rumplagen müssen. Auch die Geschehnisse rund um die geplanten Aktionen vom Samstag bestätigten uns in unserem Handeln erneut und fordern von uns in der Öffentlichkeit für Verständnis unserer Lage zu sorgen. Unser streben nach Freiheit wird bis zum äußersten auf die Probe gestellt. Denn eine Überwachung in Form von massiven Einsatz von Polizei und Ordnungsdienst stellt für uns keine hinnehmbare Situation dar.

Sind dies die Repressalien, die zukünftig jeder Fan zu erwarten hat, der den Fan-Ethik-Kodex kritisch betrachtet?

Ultra‘Boys, HB-Crew, Wanderers Bremen